homo automobilicus Homo Automobilicus oder auch nicht Zum Start ins Wochenende und passend zum Ferienbeginn in Bayern haben wir eine besondere Lektüre für Sie.  Wir wünschen einen schönen Reiseantritt und jetzt viel Spaß beim Lesen.

Es gibt Männer, denen fehlt das Benzin im Blut. Sie fahren zu langsam, zahlen zu viel und wissen zu wenig. Sie sind Außenseiter der männlichen Gesellschaft und haben Versicherungsvertreter als Freunde. Und über 130 Stundenkilometer werden sie zu Philosophen …


Ich wär´ so gern ein Automann!

Ich bin kein homo faber, zum homo oeconomicus ist es noch weit hin, der homo erectus liegt mir dagegen zu weit zurück. Den homo sociologicus sprechen mir meine Kollegen ab, der homo sapiens scheint mir als Bezeichnung zu vermessen. Und zum homo, der des homini lupus ist, dafür fehlt mir letztlich der nötige Blutdurst.

Egal, denn eigentlich möchte ich nur ein einfacher homo automobilicus sein. Ich bin es aber nicht. Und das, obwohl ich leidenschaftlich gerne in Fußballstadien und Baumärkte gehe.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Es sind die entscheidenden Themen neben dem Job (und saisonal alternativ dem Hausbau und der Börse), die ein Gespräch unter Männern beherrschen. (Sorry, meine Damen, es ist eine Mär, dass wir viel über Frauen reden!)

Zurück zu den Autos: Der Mann der deutschen Provinz, wie ich es einer bin, zeichnet sich durch fundierte Kenntnisse aller vergangenen und gängigen Automobiltypen aus. Meist hat er den einen oder anderen Wagen bereits besessen – die Generation der 1964er sollte zumindest einen Opel Manta, einen Ford Capri, einen BMW oder einen VW Scirocco vorweisen können. Selbstverständlich mit Sportsitzen, Sportgurten und mächtigen Bass-Lautsprechern, gefüttert von einer selbst eingebauten Stereoanlage aus dem Sortiment von Conrad Electronic.

Ich hatte zuerst ein Peugeot 10-Gang-Fahrrad, danach ein Mars Moped (ja, das gab es im Quelle-Katalog, was wiederum eine interessante Theorie zum heute maroden Zustand des Unternehmens nahe legt) und einige Jahre später einen VW Polo.

Genau: Ich hatte dauerhafte Reputationsprobleme in der Clique – und war meilenweit vom anerkannten homo automobilicus entfernt. Es sprach und spricht vieles gegen mich. Es fing damit an, dass ich den Führerschein beim ersten Mal gerade so bestand. Das taten nur die Streber und keinesfalls die künftigen Rennfahrer meines Jahrgangs. Einmal musste man schon wegen Geschwindigkeitsüberschreitung durchfallen, um im zweiten Anlauf mit Bravour zu bestehen.

In den Jahren danach wurde es nicht besser. Ich bin bewiesenermaßen der einzige Mann auf der Welt, der für seine Autos immer den regulären Preis bezahlt (und dafür überschwänglich umarmende Auto-Verkäufer zu seinen Freunden zählen darf), dessen Autos mindestens zwölf Liter Benzin pro 100 Kilometer brauchen (ja, auch Tankwarte gehören zu meinem Freundeskreis) und der ein Auto erst zwei Wochen nach Ablauf der Vollkasko artgerecht zu Schrott fährt. Mein glücklicher Versicherungsvertreter hat übrigens dank meiner Kontakte seinen Kundenstamm auf die Automobil- und Ölbranche erfolgreich ausgeweitet.

Ich gebe ferner zu, dass auf meinen Autositzen Brösel zu finden sind, ich mich mehrmals in der Woche verfahre und bei der Inspektion immer wieder staunend erfahre, was mein Auto alles kann.

Schließlich habe ich mir gerade erst im vergangenen Winter beim hilfsbereiten Fremdstarten liegen gebliebener Pkw am geschmolzenen Plastik der verkehrt angeschlossenen Ladekabel die Finger verbrannt. Und dank vorausschauendem und vermeintlich intelligentem Fahrstil bin ich es, der am Berg viele Kilometer lang mit 60 Stundenkilometer hinter der Lkw-Kolonne herjagt. Apropos Jagen: Bei Geschwindigkeiten über 130 Stundenkilometer werde ich gerne philosophisch – und denke über das Slow-down-Phänomen nach und die biologische Tatsache, dass die Natur des Menschen nicht für dieses Tempo ausgelegt ist.

Wunsch und Wirklichkeit: Ich wäre gern ein homo automobilicus. Stattdessen fahre ich S-Bahn und konzentriere mich auf die nächste Fußball-Bundesligasaison. Habe ich bereits erwähnt, dass Herta BSC Berlin eine Macht ist und Meister wird?

Danke für eine von vielen amüsanten Gute-Nacht-Geschichten.

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